"Lehrer im Emsland profitieren von dörflichen Strukturen und guten Elternhäusern. Da macht auch Schulleitung Spaß." Claudia Terstiege, Schulleiterin im Emsland
Bildungsregion und Landkreis Emsland fördern Qualifizierung für Lehrer und zukünftige Schulleiter

Schulleiter auf dem Land

Wenn das Land Niedersachsen wichtige Fortbildungen für Lehrer einfriert, drehen die Emsländer nicht einfach Däumchen. Weil gute Lehre eine gute Schulleitung braucht, qualifiziert das Kompetenzzentrum Lehrerfortbildung am Lingener Ludwig-Windthorst-Haus Lehrer für das Amt der Schulleitung, finanziert von der Bildungsregion und dem Landkreis Emsland.

„Eigentlich wollte ich den Job gar nicht“, sagt Claudia Terstiege. Seit August 2017 ist sie beliebte Schulleiterin einer kleinen Grundschule mit 75 Schülern in Schepsdorf. In Niedersachsen mangelt es, wie in ganz Deutschland, an Lehrern, davon bleibt auch das Emsland nicht verschont. Entsprechend fehlen auch Schulleiter – unter anderem, weil der finanzielle Vorteil gerade an Grundschulen verschwindend gering ist und die Weiterqualifizierung durch das Land Niedersachsen, die erst nach Antritt der Stelle stattfindet, zurzeit brachliegt. Wer will also freiwillig Schulleiter werden?

Terstiege hatte an einer Schule in Aachen Herzogenrath unterrichtet, bevor die heute 42-Jährige und ihr Mann wegen der Familiengründung ins Emsland zurückkehrten. „Wenn es nicht gerade um eine Gymnasialleitung geht, bleiben die meisten Lehrer lieber in ihrer Position“, erklärt sie. Wenn aber Bewerber für die Schulleitung fehlen, bestimmt die Landesschulbehörde einen Lehrer aus dem Kollegium, der den Job solange kommissarisch übernehmen muss, ohne eine Zulage. So war es auch bei Claudia Terstiege, die heute lachend zurückblickt: „Im Grunde ist das ja eine Frechheit, aber für mich kam es zum richtigen Zeitpunkt.“ Sie fragte sich, ob sie bis zum Rentenalter als Grundschullehrerin arbeiten wollte und nahm Alternativen in den Blick. Nur eines stand fest: nicht Schulleitung.

Das Emsland bildet Lehrer in Eigenregie fort

Dass sie sich während des kommissarischen Jahres doch bewarb, liegt einerseits daran, dass ihr die Schulleitung mehr Freude machte als sie erwartet hatte. Andererseits hatte sie eine Fortbildung am Lingener Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in ihrem Entschluss bestärkt. Dort hatte Judith Hilmes, Studienleiterin und Fortbildungsverantwortliche, ein Konzept entwickelt, das Lehrer für die Führungsposition qualifiziert, bevor sie den Job übernehmen. „Die Fortbildung ‚Schule leiten: Will ich das? Kann ich das? Ich mache es! ‘ gibt Lehrkräften, die für eine kommissarische Leitung infrage kommen oder über die Schulleitung nachdenken, von Anfang an Rüstzeug an die Hand, klärt Unsicherheiten und baut Hemmschwellen ab“, erklärt Hilmes. In drei Modulen wurden fremde und eigene Erwartungen, eigene Stärken, Führungsverhalten und Wirksamkeit sowie private Ressourcen und Zeitmanagement thematisiert. „Ungefähr die Hälfte der Teilnehmenden haben sich hinterher entschlossen, die Schulleitung zu wagen“, freut sich Hilmes. „Das Seminar hat viele Ängste genommen, diesen Schritt zu gehen“, stimmt Terstiege zu. „Es wurde sehr, sehr offen diskutiert. Besser hätte es nicht sein können.“

Lehrer- und Schulleitermangel aktiv angehen

Judith Hilmes vom LWH und Günter Fiening vom Netzwerk Schulleitung im Emsland entwickelten schon frühzeitig Ideen, um dem Schulleitermangel entgegenzuwirken. „In Niedersachsen gibt es leider kein vergleichbares Angebot. Wir wollten das Problem angehen, bevor es wirklich eines wird“, erklärt Hilmes. Dazu gehörte auch, einen unabhängigen, geschützten Raum zu schaffen, in dem sich die Teilnehmer intensiv und ohne Druck mit der Frage auseinandersetzen können, ob Schulleitung eine Berufsoption für sie sein könnte. Die Landesschulbehörde stellte erst am Ende der drei Module das Bewerbungsverfahren vor. Die finanzielle Unterstützung kam von der Bildungsregion und dem Landkreis Emsland. Abwarten und Däumchen drehen liegt den Emsländern eben nicht.

Das wollte auch Claudia Terstiege nicht: „Wenn ich den Job schon mache, dann auch vernünftig.“ In dem Seminar fühlte sie sich mit ihren Fragen ernstgenommen – und sie bekam bereits nach kurzer Zeit positives Feedback aus ihrem Umfeld. „Eigentlich ist es schon ein netter Job – ich habe aber auch ein tolles Team und ein gutes Umfeld. Es sind dörfliche Strukturen an unserer Schule, gute Elternhäuser, die unterstützen, und man bekommt für seine Arbeit viel Wertschätzung.“