Lebendige, nachwachsende Moore gibt es inzwischen auch wieder im Emsland.
Lebendige, nachwachsende Moore gibt es inzwischen auch wieder im Emsland. Aschendorfer Moorpfad © Emsland Tourismus GmbH
Moorschutz und Moorrenaturierung im Emsland

Amore für die Moore

Sie wachsen extrem langsam, galten Generationen lang als reine Nutzfläche und erst seit vergleichbar kurzer Zeit ist ihre enorme Bedeutung tief ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt: Moore. Wer heute im Emsland lebt und arbeitet, schätzt vor allem die Balance – die Verbindung aus wirtschaftlicher Stärke auf der einen und einem intakten, lebenswerten Naturraum direkt vor der Haustür auf der anderen Seite. Dass ökologische Verantwortung und regionale Entwicklung hier Hand in Hand gehen, beweist der Landkreis mit einem ambitionierten Generationenprojekt: der systematischen Renaturierung und Wiedervernässung seiner faszinierenden Moorlandschaften.

Etwa einen Millimeter wächst ein Hochmoor im Jahr – für einen einzigen Meter benötigt die Natur rund 1.000 Jahre. Bis zu 15.000 Jahre Erdgeschichte steckten in den Böden des Emslandes. Und vor allem: enorm viel CO2. Wenn Pflanzen im Moor absterben, werden sie unter der Wasseroberfläche nicht zersetzt, sondern verwandeln sich langsam in Torf, der den Kohlenstoff dauerhaft speichert.

Um diese Flächen mit nassen Böden früher landwirtschaftlich oder industriell nutzbar zu machen, wurden viele Schichten Torf abgetragen und das Wasser abgeleitet. Doch hat Torf erst einmal Kontakt mit der Luft oder wird er verbrannt, entweicht das gespeicherte CO2 wieder. Solche Emissionen machten im Jahr 2020 deutschlandweit etwa 7,5 Prozent der gesamten nationalen Treibhausgas-Emissionen aus.

„Diese Entwicklung wollen wir im Emsland mit unseren Maßnahmen stoppen und für die Zukunft, wenn möglich, auch umkehren“, erklärt Landrat Marc-André Burgdorf. Der Einsatz zahlt sich aus: Der Landkreis bewarb sich erfolgreich für das Bundes-Förderprogramm „Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz - kommunale Flächen“ und erhielt eine Förderung von über 5,35 Millionen Euro. Zusammen mit dem Eigenanteil des Landkreises von 20 Prozent stehen insgesamt mehr als 6,69 Millionen Euro für die Revitalisierung der emsländischen Moore bereit.

Hightech-Kataster: Wo sich Wiedervernässung wirklich lohnt…

Dass im Emsland Dinge pragmatisch und modern angepackt werden, zeigt sich bereits in der wissenschaftlichen Vorbereitung. Schon seit 2019 nutzt der Landkreis das EU-geförderte Moorinformationssystem EL-MIS, um das Revitalisierungspotenzial der Region exakt zu bestimmen.

„Es gibt Daten aus den 1950er bis 1970er Jahren, die allerdings völlig veraltet sind. Die Emsländer waren in den letzten 60 Jahren sehr aktiv in der Bodenbearbeitung: Es wurde tiefgepflügt, abgetorft und entwässert“, erklärt Kreisbaurat Dr. Michael Kiehl. Um Abhilfe zu schaffen, ging der Landkreis systematisch vor: Mit rund 10.000 Bohrungen wurde ein völlig neues, Datenbank- und GIS-basiertes Moorkataster angelegt, um einen Überblick über die derzeitigen Moormächtigkeiten und Biotopentypen zu erhalten.

Dieses digitale Fundament sichert nun den Erfolg: Auf einer Gesamtfläche von 540 Hektar, verteilt auf 15 Gebiete, werden zwischen 2025 und 2029 unter dem Titel „Klimaschutz und biologische Vielfalt in den emsländischen Mooren (EL-MO)“ wirksame Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt. Den Anfang machen Kernzonen in geschützten Bereichen wie dem Naturschutzgebiet Aschendorfer Obermoor/Wildes Moor und der Speller Dose. Da sich alle Vorhaben auf öffentlichen Schutzflächen befinden, bleibt das wichtige Miteinander mit der lokalen Landwirtschaft harmonisch und frei von Konflikten.

…und wie Moorrenaturierung funktioniert

Stoppen lassen sich CO2-Freisetzungen nur, indem die Wasserstände in den entwässerten Moorböden angehoben werden. „In den einzelnen Gebieten werden Maßnahmen umgesetzt, die vom Verschließen von Gräben über eine engmaschige Verwallung bis zum Einbau von Spundwänden reichen“, beschreibt Dr. Niels Gepp von der Unteren Naturschutzbehörde das Vorgehen. „Wir müssen die Gebiete tatsächlich erst einmal relativ volllaufen lassen. Ideal ist es, wenn sie in den ersten Jahren schwammnass sind, sodass sich eine geschlossene Torfmoosdecke bilden kann.“

Durch zunehmende Trockenperioden und tief liegende Grundwasserstände ist das eine Herausforderung. Entstehen Trockenrisse, sickert das Wasser ungenutzt ab. Doch die Experten nutzen moderne Methoden des Wassermanagements: Mithilfe von Poldern und Pumpen werden die Pegel stabil gehalten. Schwankungen im Wasserstand und Wellenschlag gilt es zu verhindern. Zudem werden die Flächen mit regionalen Torfmoosen „beimpft“, um das Wachstum natürlich zu beschleunigen. Im Provinzialmoor zeigt sich bereits der Erfolg: Flora und Fauna kehren sichtbar zurück. „Und das Moor könnte sogar aufwachsen! Das ist ein riesiger Erfolg“, freut sich Kiehl.

Ein gesunder Lebensraum mit Mehrwert

Das Großprojekt investiert direkt in die langfristige Stabilität und Attraktivität der gesamten Region:

  • Natürlicher Klimaschutz: Intakte Moore reinigen die Luft und binden langfristig Treibhausgase.
  • Hochwasserschutz: Die schwammartigen Torfmoosdecken erhöhen die Pufferfähigkeit der Landschaft und halten Wasser bei Starkregen effektiv zurück.
  • Artenschutz: Es entstehen neue, wertvolle Rückzugsräume für hochspezialisierte und gefährdete Tier- und Pflanzenarten.
  • Klimaregulation: Als riesige Temperatur- und Feuchtigkeitsregulatoren stabilisieren Moore das Mikroklima der Region, wovon das gesamte Wohn- und Lebensumfeld direkt profitiert.

Damit sich strenger Naturschutz und Erholung im Grünen nicht ausschließen, arbeitet der Landkreis bereits an Konzepten, um diese einzigartigen Landschaften behutsam erlebbar zu machen. Und da im Emsland Stillstand ein Fremdwort ist, wird die nachhaltige Entwicklung weiter vorangetrieben: Der Landkreis wird sich auch bei den nächsten angekündigten Förderaufrufen zum Moorschutz bewerben.