Von wegen „alt und verstaubt“: Vier Museumsleitungen zeigen, wie interaktive Regionalgeschichte heute funktioniert. Emsland Archäologie Museum © Schöning Fotodesign
Emslandmuseen machen Kulturgeschichte neu erlebbar

Von wegen alt und verstaubt

Das Emsland hat sich längst als starke Wirtschaftsregion positioniert, die eine sichere und naturnahe Umgebung bietet. Doch zur echten Lebensqualität gehört mehr als ein strukturierter Alltag. Es ist die Frage, was eine Region nach Feierabend zu bieten hat.

Wer im Emsland nach einem modernen kulturellen Ausgleich sucht, wird überrascht. Die Kulturszene zeigt sich von einer bemerkenswert dynamischen Seite. Eine Schlagzahl an Ausstellungswechseln wie in einer Großstadt zu erwarten, wäre utopisch – aber wenn der Museumsbesuch nicht mehrmals pro Monat ein fester Termin ist, bringen allein die Emslandmuseen eine ganze Menge Abwechslung.

Ein Generationswechsel an der Spitze der vier spezialisierten Emslandmuseen – dem Emslandmuseum in Lingen, dem Emsland Archäologie Museum in Meppen, dem Emsland Moormuseum in Geeste und dem Emslandmuseum Schloss Clemenswerth Sögel – bringt frische, interaktive Konzepte in die Häuser. Hier ruht Geschichte keinesfalls in verstaubten Vitrinen. Die neuen Leitungen suchen den Dialog mit der Gegenwart und schaffen vielseitige Begegnungsorte. Ihre Vorgänger haben über Jahrzehnte hinweg eine herausragende wissenschaftliche und kuratorische Basis geschaffen. Auf diesem starken musealen Fundament lässt sich nun eine Brücke ins digitale und partizipative Zeitalter schlagen.

Archäologie zum Anfassen: Wenn das Museum zum Wohnzimmer wird

Wie weit die Museumsarbeit vom Bild des „Hinterzimmer-Gelehrten“ entfernt ist, zeigt Lisa Schadow im Emsland Archäologie Museum in Meppen. Als die 33-Jährige für ihr Studium nach Köln aufbrach, ließ die gebürtige Grafschafterin ihre alte Heimat zunächst hinter sich. Nach Stationen in Trier, wo sie zuletzt an der Landesausstellung über den römischen Kaiser Marc Aurel mitwirkte, und Italien brachte sie der Reiz, die Region mit archäologischem Wissen neu zu entdecken, zurück in den Norden. Damit steht sie stellvertretend für viele junge Menschen, die das Potenzial des Emslandes für sich wiederentdecken. Sie übernahm die Museumsleitung nach dem unerwarteten Tod von Silke Surberg-Röhr. „Ich sehe die beeindruckende Leistung meiner Vorgängerin jeden Tag und möchte diese Arbeit weiterführen und modern weiterentwickeln“, betont Schadow.

Für Lisa Schadow ist das Museum kein starrer Aufbewahrungsort. Sie setzt auf Inklusion und das sogenannte „Hands-on-Prinzip“. Anstatt Kinder permanent zu ermahnen, nichts zu berühren, dürfen Besucher hier steinzeitliche Repliken wie Feuerstein und Zunderpilz selbst begreifen. „Unsere Besucher dürfen wie echte Archäologen arbeiten: Anschauen, untersuchen, mögliche Funktionen beschreiben, ausprobieren – so geben wir spielerisch Leidenschaft weiter“, erklärt sie. Das Museum öffnet sich zudem durch unkonventionelle Formate: Kostenlose Filmabende für Kinder und Brettspielabende zur Ur- und Frühgeschichte machen das Haus zu einem echten Treffpunkt für alle Generationen. Im Sommer 2026 steht sogar die Verknüpfung von forensischer Polizeiarbeit und Archäologie auf dem Programm.

Stadtgeschichte als Schlüssel zur Gegenwart

Etwas weiter südlich, im Emslandmuseum Lingen, zeigt Dr. Christof Spannhoff, wie greifbar die historischen Wurzeln der Region sind. Der Historiker und Germanist tauchte nach seinem Antritt direkt tief in die Materie ein und konzipierte innerhalb von nur sechs Monaten die große Jubiläumsausstellung „1050 Jahre Lingen“. Spannhoff übernahm Ende 2024 die Leitung von Dr. Andreas Eiynck, der das Museum über Jahre hinweg als zentrale Anlaufstelle für die Geschichte und Kultur der Stadt und des südlichen Emslandes etabliert hat. Spannhoffs Fokus liegt darauf, das Damals mit dem Heute zu verknüpfen.

Derzeit wertet er über hundert frisch digitalisierte Akten der Preußen aus dem 18. Jahrhundert aus. „Die Preußen wollten damals alles wissen. Durch ihre Verwaltungsreformen erfahren wir sehr viel über den Alltag der Zeit“, berichtet er begeistert. Spannhoff geht es darum zu erklären, warum die Menschen in der Region heute so sind, wie sie sind. Ob bei plattdeutschen Liederabenden, in der Vortragsreihe „Mittwochs im Museum“ oder bei speziellen Themenführungen zu Energie oder Ernährung – das Emslandmuseum begreift Kultur als etwas Fließendes, das auch immaterielle Werte umfasst und gesellschaftliche Entwicklungen nachvollziehbar macht.

Klimaschutz und Industriekultur im Moor

Dass Geschichte eng mit den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit verwoben ist, wird im Emsland Moormuseum in Geeste deutlich. Dr. Tanja Hasselberg, promovierte Kunsthistorikerin und gelernte Steinmetzin, leitet Europas größtes Moormuseum seit Juni 2025. Ihr Vorgänger, Dr. Michael Haverkamp, professionalisierte die Sammlung seit 2003 in herausragender Weise und vergrößerte das Haus durch einen Erweiterungsbau für den gigantischen Ottomeyer-Pflug.

Für die 47-jährige Rheinländerin ist das Museum ein Ort, an dem Vergangenheit historisch, ökologisch und kulturell zusammengedacht wird. In der ersten Klausurtagung mit dem Team wurden Ideen zusammengetragen. „Durch die Arbeit von Herrn Haverkamp wurde bereits vieles vorgedacht und vorgelegt. Das arbeiten wir weiter aus und legen nun in kleinen Schritten los. Die Träger sind klasse und gehen das mit“, erzählt Hasselberg. Und die Emsländer? „Die sind im Herzen wie Rheinländer: Freundlich, offen, neugierig und mit dem Herzen am rechten Fleck.“

Das Thema Nachhaltigkeit, das die emsländische Wirtschaft stark prägt, findet hier sein historisches Pendant. Hasselberg verknüpft die Technik- und Siedlungsgeschichte des 20. Jahrhunderts geschickt mit der aktuellen Rolle intakter Moore als essenzielle CO2-Speicher. Gleichzeitig legt sie großen Wert auf die Aufenthaltsqualität. Das 30 Hektar große Gelände mit seinem inklusiven Baumwipfelpfad, dem Siedlerhof und der historischen Feldbahn lädt Familien dazu ein, einfach mal spontan vorbeizukommen. Mit neuen Angeboten, wie schaurigen Halloweenführungen oder einem entspannten Nachmittag im Museumscafé, wird das Moormuseum zu einem selbstverständlichen Teil der Wochenendplanung.

Europäisches Flair auf barockem Terrain

Den internationalen Weitblick bringt schließlich Dr. Christiane Kuhlmann auf Schloss Clemenswerth in Sögel ein. Die gebürtige Essenerin, die in verschiedenen Ländern Europas lebte und zuletzt als Sammlungsleiterin der renommierten Heidi Horten Collection in Wien tätig war, bringt als Kunsthistorikerin für Fotografie und zeitgenössische Kunst einen neuen, internationalen Blickwinkel in das Emsland mit. Ihr Start war rasant: An ihrem ersten Arbeitstag, dem traditionellen Falkner-Tag, fühlte sie sich inmitten von Routiniers und historischen Kostümen „wie an einem wahnsinnigen Filmset“.

Die Museumsdirektorin übersetzt den beeindruckenden Dreiklang aus barocker Architektur, Kunst und Landschaftsbau behutsam in eine heutige Sprache und baut dabei bewusst auf dem starken Fundament auf, das der Gründervater des Museums, Eckard Wagner, hinterlassen hat. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweit einmalige Schlossanlage stärker auf der europäischen Museumsbühne zu vernetzen. Mit Ideen, wie die alte Töpferei zu einem Atelier für „Artists in Residence“ umzugestalten, holt sie zeitgenössische Kunst und frische Perspektiven direkt ins Emsland. Auch die digitalen Möglichkeiten will sie besser nutzen: Die einzigartigen Schätze des Museums sollen in ein neues Datenbanksystem für Kultureinrichtungen eingepflegt werden, um auch überregional zu zeigen, dass sich ein Ausflug nach Sögel lohnt.

Die Entwicklung der Emslandmuseen zeigt eindrucksvoll: Eine Region kann wirtschaftlich bodenständig und sicher sein, ohne dabei auf einen urbanen, modernen Kulturanspruch zu verzichten. Die Emslandmuseen bieten Räume für Bildung, Austausch und Inspiration und zeigen, dass sich ein weltoffener Kulturanspruch und das Emsland hervorragend vereinen lassen.